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Detlef Beyer


Heute mal ein ganz anderes Thema
Ich muss heute thematisch ein wenig den vertrauten Boden verlassen. Dazu bemühe ich ein Bild, das die KI-Revolution besser zusammenfasst als jedes Benchmark-Diagramm. Ein Reaktor, der seit dem Beinahe-GAU von 1979 für Vorsicht im Umgang mit Atomkraft steht, wird wieder hochgefahren. Warum? Um Microsofts Chatbots mit Strom zu versorgen.
50 Jahre sind genug Zeit um zu vergessen
Three Mile Island. Der Name, der für eine Generation lang Synonym für die Grenzen der Kernenergie war. Block 1 des Kraftwerks ging 2019 aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz. Jetzt kommt er zurück öffnet sich in einem neuen Tab: 835 Megawatt, ein 20-Jahres-Vertrag mit Microsoft, geplante Wiederinbetriebnahme 2028. Und damit das Ganze sauber klingt, wird die Anlage gleich umgetauft, in „Crane Clean Energy Center„. Greenwashing beginnt beim Ortsschild.
Three Mile Island ist kein Einzelfall, sondern steht für ein Muster. NextEra fährt das seit 2020 stillgelegte Kernkraftwerk Duane Arnold in Iowa wieder hoch. Sie haben einen 601 Megawatt, 25-Jahres-Abnahmevertrag abgeschlossen. Der Käufer ist Google. Sie brauchen Strom für die KI-Rechenzentren. Meta wiederum öffnet sich in einem neuen Tab hat sich gleich acht TerraPower-Natrium-Reaktoren à 345 Megawatt gesichert. Amazon plant einen eigenen SMR-Park mit 960 Megawatt. Die Tech-Konzerne kaufen sich keine Stromverträge mehr, sie kaufen sich gleich ganze Kraftwerke.
Wer zahlt eigentlich die Rechnung?
Man könnte das als pragmatische Dekarbonisierung verkaufen. Atomstrom ist CO₂-arm und der Hunger nach Energie ist real. Also nimmt man das, was schnell zu haben ist. Geschenkt. Nur erzählt diese Version die halbe Geschichte. Denn dort, wo es schneller und dreckiger geht, wird es eben schneller und dreckiger.
Beispiel Memphis. Elon Musks xAI betreibt dort seinen „Colossus„-Supercomputer und versorgt ihn mit Gasturbinen, ganz ohne die nötigen Genehmigungen. Als die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) und Anwohner gegen die Luftverschmutzung in einem ohnehin belasteten Viertel klagen, meldet sich das US-Justizministerium öffnet sich in einem neuen Tab zu Wort. Nicht etwa, um die Genehmigungen einzufordern. Sondern um zu erklären, eine Stilllegung der Turbinen würde „die nationale, wirtschaftliche und energetische Sicherheit Amerikas untergraben“. Grok, so die Begründung, sei eines von vier KI-Modellen, die geschäftskritische Operationen stützen. Übersetzt bedeutet dies, dass der Chatbot wichtiger ist als die Atemluft der Nachbarschaft.
Das ist die eigentliche Pointe. Nicht, dass KI Energie braucht, sondern dass „nationale Sicherheit“ mittlerweile als Universal-Schlüssel funktioniert, der jede Umwelt- und Gesundheitsschranke aufsperrt. Es muss nur jemand kommen der mächtig genug ist, ihn zu benutzen.
Und der Hunger ist gigantisch. Die weltweiten Rechenzentren zogen 2024 rund 460 Terawattstunden Strom. Das ist ungefähr so viel, wie ganz Deutschland in einem Jahr verbraucht. Beim Wasser zeigt sich dasselbe Bild. Die US-Rechenzentren schluckten 2024 etwa 64 Mrd. Liter, bis 2028 sollen es über 300 Mrd. werden und das jedes Jahr und nur für die Kühlung. Global nähert sich der Verbrauch der Marke von 3,8 Billionen Liter.
Es sind nicht alle gleichermaßen bereit, ihre Zahlen offenzulegen. Microsoft, Google, Meta und Amazon veröffentlichen wenigstens aggregierte Nachhaltigkeitsdaten. OpenAI und Anthropic, die beiden Firmen, deren Modelle gerade die Welt umbauen, veröffentlichen schlicht gar nichts. Was wir über ihren Fußabdruck wissen, stammt aus Partnerverträgen und investigativer Recherche.
„Burn, baby, burn“ war einmal ein Schrei der Wut über brennende Städte. Heute ist es das Geschäftsmodell. Scheiß auf die Nachbarn, fahrt die alten Reaktoren hoch, kippt das Kühlwasser rein. Hauptsache, das Modell antwortet in 200 Millisekunden. Die Rechnung kommt später, und sie kommt woanders an. Die Rechnung zahlen die Anwohner in Memphis, die Wasserreserven von Iowa, und ein Klima, das keine 20-Jahres-Verträge unterschreibt.
Brauchen wir Grenzen?
Die Frage ist nicht, ob KI nützlich ist. Die Frage ist, wer den Preis zahlt und ob wir dieses Rennen um immer mehr, immer besser noch bremsen können und bremsen wollen.
Ich schreibe hier nicht aus der Position des moralisch Überlegenen. Im Gegenteil. Ich nutze KI (nicht für Texte, aber … siehe das Bild zum Artikel) und bin fasziniert von den Möglichkeiten. In meinem eigentlichen Themenumfeld, der digitalen Barrierefreiheit, sind ebenfalls durchaus massive Innovationen durch den Einsatz der KI denkbar. Aber ich will alle Konsequenzen kennen und meine Entscheidung bewusst treffen. Deshalb musste ich diese Artikel schreiben.
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