Über den Autor:
Detlef Beyer


Ein Text, sie zu knechten, sie alle zu finden, Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
„Teilweise werde ich von den Textmengen erdrückt und Formulare auszufüllen kann ewig dauern. Das kann ganz schön stressig werden.“
Dieses Zitat stammt nicht von einem Schüler, sondern von Simone, einer 41-jährigen Büroleiterin mit Dyslexie (könnte man mit „schlechte Wortverarbeitung“ übersetzen). Sie ist nicht allein: 5 bis 12 Prozent der europäischen Bevölkerung sind von dieser Lernstörung betroffen. Das sind in Deutschland allein etwa 3,5 bis 4,8 Millionen Menschen.
Trotzdem wird Dyslexie in der digitalen Barrierefreiheit oft nicht betrachtet. Während wir immerhin über Screenreader für blinde Nutzer und Gebärdensprachvideos für gehörlose Menschen sprechen, verwenden die viele Websites immer noch Schriftarten und Kontraste, die Menschen mit Dyslexie das Lesen erheblich erschweren.
Das ist ein Problem und dies nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für Unternehmen, die ihre digitalen Angebote wirklich für alle Menschen zugänglich machen wollen.
Was ist Dyslexie?
Dyslexie ist eine spezifische Störung mit neurobiologischer Ursache, bei der die Fähigkeit zum Lesen und/oder zur Rechtschreibung erheblich beeinträchtigt ist und das trotz normaler oder überdurchschnittlich hoher Intelligenz und ausreichender Schulbildung.
Wichtig: Dyslexie hat garnichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Die Abgrenzung zwischen Dyslexie und Legasthenie ist nicht klar und eindeutig. Das will ich hier aber nicht weiter vertiefen.
Menschen mit Dyslexie verarbeiten Sprache neurobiologisch anders. Ein häufiges Phänomen ist die sogenannte b/d-Verwechslung. Buchstaben, die spiegelbildlich ähnlich sind (b, d, p, q), werden leicht durcheinandergebracht, weil das Gehirn die Raumausrichtung anders interpretiert.
Das Problem: Wo digitale Angebote Menschen mit Dyslexie im Stich lassen
Problem 1: Schriftarten, die verwirren
Viele Websites verwenden Schriftarten mit Serifen (Schnörkel an den Buchstaben) oder sehr schlanken Fonts. Für Menschen mit Dyslexie kann das ein Problem sein. Serifenlose Schriften sind für viele Menschen mit Leseproblemen leichter zu lesen, weil die Buchstaben klarer voneinander abgegrenzt sind. Serifen können bei manchen Buchstabenkombinationen visuell „verwischen“ oder stören:
❌ SCHWIERIG:
Simone öffnet eine Website und sieht einen Text in Times New Roman. Die Serifen erschweren die Unterscheidung von Buchstaben. Besonders das „b“ und „d“ sind fast identisch. Sie muss jeden Satz mehrmals lesen. Nach 10 Minuten ist sie erschöpft.
Ein vermeintlich „eleganter“ Font kostet Menschen mit Dyslexie Konzentration und Zeit. Das ist vielen Designern und Designerinnen leider nicht bewusst.
Problem 2: Dichte Textblöcke ohne Struktur
Wenn Inhalte nicht strukturiert sind, etwa wenn Absätze fehlen, der Text im Blocksatz öffnet sich in einem neuen Tab steht, oder keine Überschriften auf der Seite existieren, dann wird das Lesen zur Herausforderung.
❌ SCHWIERIG:
Simone versucht, ein Formular mit Anweisungen auszufüllen. Der Text ist ein dichter Block, ohne Absätze, ohne Fettdruck-Hervorhebung. Sie verliert nach wenigen Zeilen den Faden. Sie weiß nicht, wo eine Anweisung endet und die nächste beginnt.
Problem 3: Formulare ohne Hilfe
Formulare sind für viele Menschen eine Herausforderung. Für Menschen mit Dyslexie sind sie oft frustrierend:
- Felder haben nur Platzhalter-Text, keine echten Beschriftungen („Label“)
- Es gibt keine Beispiele, wie ein Feld auszufüllen ist
- Fehlermeldungen sind hart formuliert und beschreiben den Fehler beim Anwender oder der Anwenderin
- Es gibt keine Möglichkeit, die Eingaben zu speichern und später fortzufahren
Simone füllt ein Formular aus, macht einen Tippfehler, und bekommt eine rote Fehlermeldung: „FALSCHES FORMAT!“ Das fühlt sich nicht gut an. Sie zögert, es erneut zu versuchen.
Die Lösung: Wie Designer Barrierefreiheit für Menschen mit Dyslexie schaffen
1. Dyslexie-freundliche Schriftarten verwenden
Die gute Nachricht: Es gibt Schriftarten, die speziell für eine bessere Lesbarkeit entwickelt wurden. Ich würde nur ungern von „barrierefreien Schriftarten“ sprechen. Es gibt Schriftarten mit einer besseren Lesbarkeit. Keine sehr dünnen Linien, keine Serifen, ausreichender Kontrast und die Buchstaben sind gut zu unterscheiden.
Empfohlene Fonts:
| Font | Quelle | Warum? |
|---|---|---|
| Atkinson Hyperlegible | Google Fonts | Von Microsoft entwickelt, sehr hoher Kontrast zwischen Buchstaben |
| Lexend | Google Fonts | Wissenschaftlich optimiert, reduziert Verwechslungen |
| OpenDyslexic | kostenlos | Speziell für Dyslexie entworfen, kostenlos und Open Source |
| Tahoma | kostenlos | Das ist die Schriftart für den Fließtext auf dieser Seite. |
Natürlich muss häufig auf Vorgaben bei der Gestaltung, das schließt die Wahl der Schriftart ein, geachtet werden. Aber es gibt immer Alternativen und eventuell müssen die vorliegenden Gestaltungsrichtlinien einfach mediengerecht überarbeitet werden. Hier gilt, wie so oft im Bereich der digitalen Barrierefreiheit, dass eine bessere Lesbarkeit allen Nutzerinnen und Nutzern zu gute kommt.
2. Text strukturieren
Im Vergleich zu einem kompakten Block ist ein Text mit Struktur sofort verständlicher. Absätze, Überschriften und Listen machen den Unterschied. Der Flattersatz bietet eine optische Orientierung: in welcher Zeile war ich gerade. Blocksatz öffnet sich in einem neuen Tab macht die Orientierung deutlich schwerer. Wenn Text im Blocksatz gesetzt wird, entstehen durch die ungleichmäßige Wortabstände zwischen den Zeilen weiße, vertikale Lücken. Die kann man wie kleine Flüsse betrachten, die durch den Text laufen. Das Auge wird von diesen hellen Streifen abgelenkt und folgt ihnen statt dem eigentlichen Text.
Bei der Nutzung einer Bildschirmlupe ist ein zentrierter Text herausfordernd. Aber im Themenumfeld Dyslexie müssen lange und unstrukturierte Textblöcke als primäres Problem betrachtet werden.
Praktische Regeln:
- Kurze Absätze (3–4 Sätze max.)
- Höchstens 80 Zeichen in einer Zeile
- Ausreichender Zeilenabstand (≥ 1,5x)
- Die Schriftgröße sollte 16px oder mehr betragen
- Listen statt Prosa
- Kein Blocksatz
- Überschriften, die den Inhalt beschreiben
3. Formulare intelligent designen
Was macht ein Formular besser lesbar?
- Alle Felder haben eine klare Beschriftung (nicht nur Platzhalter im Eingabefeld)
- Es gibt Hilfetext unter dem Feld mit Beispielen
- Kein Zeitdruck durch eine ablaufende Sitzungsdauer
- Fortschrittsanzeige („Schritt 1 von 3“)
- Freundliche Fehlermeldungen statt roter Warnsignale
4. Kontrast und Farben
Menschen mit Dyslexie benötigen einen ausreichenden Kontrast. Der Kontrast sollte einen Wert von 4,5:1 für normalen Text erreichen.
✅ AUSREICHEND: 4.5:1 Kontrast
❌ PROBLEMATISCH: Zu wenig Kontrast
Zusätzlich: Erlauben Sie Nutzern, ihre Farben anzupassen. Ein „High Contrast Mode“ oder die Möglichkeit, Hintergrund- und Textfarbe zu wählen, hilft vielen Menschen. Gleiches gilt für die Textgröße. Über 60% der iPhone Nutzerinnen und Nutzer haben eine größere Schrift eingestellt.
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